
(Bulletin des Bundesamtes für Gesundheit 1997;20:9-10, 26. Mai 1997)
1. Einleitung
Resultate grosser klinischer Endpunktstudien mit Protease-Inhibitoren in Kombination mit Reverse Transkriptase-Inhibitoren (RT-Inhibitoren) zeigen eine eindrückliche Verlängerung des Überlebens und Verminderung der opportunistischen Infektionen. Dabei findet sich eine deutliche Korrelation zwischen der Reduktion der Viruskonzentration im Plasma - des sogenannten viral loads - und dem klinischen Nutzen (1,2,3). Diese Ergebnisse, sowie neue Erkenntnisse Über die Pathogenese der HIV-Infektion (4,5) und die Bedeutung des viral loads als prognostischer Marker (6,7) machen eine Überarbeitung unserer Empfehlungen vom Juli 1996 notwendig (8).
2. Behandlungsindikation
Die Indikation für eine Therapie ist grundsätzlich gegeben beim Nachweis einer HIV-Infektion. Aus den unter 4. erwähnten Gründen müssen jedoch individuelle Patientenfaktoren stark berücksichtigt werden.
3. Behandlungsziel
Das Ziel einer antiretroviralen Therapie ist die anhaltende und möglichst vollständige Suppression der HIV-Replikation in allen Kompartimenten des Organismus. Letzteres kann nur mit den potentesten, zur Zeit verfügbaren Kombinationstherapien erreicht werden. Dementsprechend sollte eine antiretrovirale Therapie grundsätzlich mit einer Dreierkombination eingeleitet und durchgeführt werden. Von diesem Grundsatz sollte nur abgewichen werden, wenn eine ungenügende Compliance oder mangelnde Tolerabilität dagegen sprechen. Eine Dreierkombination beinhaltet zur Zeit grundsätzlich die Kombination von zwei Nukleosidananloga RT-Inhibitoren und einem Protease-Inhibitor; in Ausnahmefällen die Kombination von Ritonavir + Saquinavir + Stavudin bzw. Zidovudin.
4. Faktoren, die den Zeitpunkt des Therapiebeginns und die Wahl der Medikamente beeinflussen:
5. Zukunftsaussichten
In nächster Zeit wird die Zulassung von weiteren Anti-HIV-Medikamenten geprüft, und zwar von Nelfinavir (Viraceptö), einem Protease-Inhibitor sowie von Nevirapin (Viramunö), einem RT- Inhibitor mit neuem Wirkmechanismus.
a) Nukleosidanaloga Reverse Transkriptase Inhibitoren
b) Protease Inhibitoren
Die Entwickung auf dem Gebiet der HIV-Medikamente schreitet weiterhin rasch voran. Daten der Schweizerischen HIV-Kohorten Studie und den USA zeigen eine deutliche Reduktion der Morbidität und Letalität während der letzten Jahre (9,10). Statistiken aus Frankreich dokumentieren einen massiven Rückgang der Hospitalisationen (11). Kehrseiten sind erhöhte Kosten f¥r Medikamente und kompliziertere, anspruchsvolle Behandlungsschemata. Die nachstehenden Behandlungszentren leisten in Zusammenarbeit mit den Hausärzten einen Beitrag zur Optimierung der Behandlung dieser Krankheit und ermöglichen motivierten Patienten die Teilnahme an Behandlungsstudien.
Tabelle 1: Anti-HIV-Medikamente, Schweiz 1997 1
Substanz
Dosierung (> 60 kgKg)
Modalität
Tabl/Kaps
(mg)
VL2
2
CD4
Nebenwirkungen
Preis/Tag (sFr)
Retrovir®
AZT®
Zidovudin
(ZDV, AZT)
2x250-300 mg
-
100, 250, 300
+ / -
Anämie, Neutropenie
17
Videx®
Didanosin (ddl)
2 x 200 mg
nüchtern
50, 100
+ / +
Diarrhoe, Pankreatitis
17
Hivid®
Zalcitabin (ddC)
3 x 0.75 mg
(nüchtern)
0.375, 0.75
+ / +
Polyneuropathie, orale Ulzera
12
3TC®
Lamicvudin (3TC)
2 x 150 g
-
150, Sirup
+ / +
Kopfschmerzen, Nausea
16
Zerit®
Stavudin (d4T)
2 x 40 mg
-
15, 20, 30, 40
+ / +
Polyneuropathie
16
| Substanz | Dosierung | Modalität | Tabl/Kaps (mg) | VL2 2 CD4
| Nebenwirkungen cave Interaktionen ! 3 | Preis/Tag (sFr) | |||||||||||||||||
| Invirase® | Saquinavir | 3 x 600 mg4 | mit Mahlzeit | 200 | + / + | Diarrhoe, Nausea | 21.60
| Crixivan®
| Indinavir
| 3 x 800 mg
| nüchtern od. fettarm
| 200, 400
| +++ / +++
| Nephrolithiasis, Transaminasen
| 20.50
| Norvir®
| Ritonavir
| 2 x 600 mg4,5
| -
| 100, Sirup
| +++ / +++
| Nausea, Diarrhoe, Transaminasen
| 21.60
| |
Legende:
1) Zur Zeit in der Schweiz IKS-registrierte und kassenzulässige Substanzen; klinische Wirksamkeit für alle Substanzen dokumentiert
2) VL = viral load = Virus Titer = Virus-Konzentration = Anzahl HIV-RNA-Kopien/ml Plasma
3) Protease-Inhibitoren werden über das Cytochrom P450-System metabolisiert. Interaktionen mit anderen Medikamenten können zum Teil schwerwiegende Nebenwirkungen verursachen. Siehe Packungsbeilage.
4) Bei der Kombination Ritonavir + Saquinavir beträgt die empfohlene Dosis von Ritonavir 2 x 400mg/d und von Saquinavir 2 x 400-600mg/d.
5) Initiale Dosierung: siehe Packungsbeilage
| 1Rt-Inhibitor-1 | RT-Inhibitor-2 | Protease Inhibitor
| d4t
| ddl oder 3TC
| Ritonavir oder Indinavir
| ZDV
| 3TC oder ddl oder ddC
| Indinavir oder Ritonavir
| |
Tabelle 3: HIV Behandlungszentren
Legende:
1) RT-Inhibitor: Reverse Transkriptase-Inhibitor
| Basel | Medizinische Poliklinik, Kantonsspital, 4031 Basel, Tel. 061 265 50 05
| Bern
| Medizinische Poliklinik, Inselspital, 3010 Bern, Tel. 031 632 27 45
| Genf
| Division des maladies infectieuses, HCUG, 1211 Genf, 022 372 98 12
| Lausanne
| Division des maladies infectieuses, CHUV, 1011 Lausanne, 021 314 10 06
| Lugano
| Ambulatorio di malattie infettive, Ospedale Civico, 6900 Lugano, 091 805 60 21
| St. Gallen
| Infektiologische Sprechstunde, Kantonsspital 9007 St. Gallen, 071 494 10 28
| Zürich
| Sprechstunde der Abteilung Infektionskrankheiten und Spitalhygiene,
Universitätsspital, 8091 Zürich, 01 255 33 22 | |
Information
Hauptautoren: M. Flepp, J. Jost, R. Malinverni, P. Vernazza, M. Battegay, E. Bernasconi, B. Hirschel
Subkommission Klinik (SKK) der eidgenössischen Kommission für Aidsfragen (EKAF), Mitglieder und Experten: PD Dr. M. Battegay, Basel, Dr. E. Bernasconi, Lugano, Dr. M. Flepp, Zürich, Prof. P. Francioli, Lausanne, Prof. B. Hirschel, Genf (Vorsitz), Dr. J. Jost, Zürich, Fr. Dr. C. Kamber (BAG), Prof. R. Lüthy, Zürich, PD Dr. R. Malinverni, Bern, Dr. L. Matter, Bern, PD Dr. Ch. Rudin, Basel, Dr. P. Vernazza, St. Gallen.
Literatur