Presse-Mitteilung vom 15. Dezember 1999
 

Die erfolgreiche Kombinationstherapie bei HIV Patienten schützt nicht vor allen Komplikationen gleich gut und gleich schnell.

Die moderne antiretrovirale Kombinationstherapie hat zu einer drastischen Verbesserung des Krankheitsverlaufs und der Sterblichkeit bei Patienten mit HIV und AIDS geführt. Trotzdem treten infolge Immunschwäche sogenannte "opportunistische" Infektionen und Tumoren weiterhin auf, wenn auch viel seltener. Eine Schweizer Studie zeigt jetzt auf, ab welchem Zeitpunkt und unter welchen Bedingungen ein optimaler Schutz vorliegt.

Bereits im Frühling dieses Jahres konnte die Schweizerische HIV-Kohortenstudie über die Erfolge der neuen Kombinationstherapien berichten (Lancet 353:863-868). In der vorliegenden Studie, welche am Mittwoch, 15. Dezember 1999 in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift JAMA (Journal of the American Medical Association) veröffentlicht wird, wurde die Häufigkeit und der Zeitpunkt des Auftretens der verschiedenen Komplikationen der HIV-Infektion, sog. opportunistische Infektionen und Tumoren, im Detail untersucht. Beobachtet wurden 2410 Patienten mit HIV und Aids nach Beginn einer potenten antiretroviralen Kombinationstherapie mit mindestens 3 Medikamenten, darunter 1 Protease-Inhibitor.

Im Verlauf von bis zu 30 Monaten erkrankten 143 (6%) Patienten an folgenden Komplikationen: Pilzbefall der Speiseröhre (49), nicht-tuberkulöse mykobakterielle Infektionen (29), Cytomegalovirus (27), non-Hodgkin Lymphom (15), Toxoplasmose (13), Pneumocystis carinii (11), Tuberkulose (9), fortgeschrittene multifokale Leukoenzephalopathie (8), Kaposi Sarkom (6) sowie 19 andere Erkrankungen. Diese Patienten hatten im Vergleich mit denjenigen ohne Komplikationen zu Beginn der Studie eine deutlich reduzierte Immunabwehr mit tieferen CD4 Helferzellen (44 im Vergleich zu 200 Zellen/m L) und eine höhere Viruslast (126'000 im Vergleich zu 32'000 RNA Kopien/ml). Betreffend Geschlecht, Alter, Ansteckungswegen oder Zusammensetzung der antiretroviralen Behandlung konnten hingegen keine Unterschiede aufgezeigt werden.

Die Häufigkeit von opportunistischen Infektionen und Tumoren sank von 15.1 pro 100 Personen-Jahre in den 6 Monaten vor Beginn der Therapien auf 7.7 in den ersten 3 Monaten nach Beginn der Therapie. Erst nach 3 bis 9 Monaten konnte eine drastische Senkung auf 2.6, nach 9 bis 15 Monaten sogar auf 2.2 pro 100 Personen-Jahre erreicht werden. Die Abnahme der Häufigkeit war mit 38% pro Monat am ausgeprägtesten für das Kaposi Sarkom, während beim Non-Hodgkin Lymphom die Abnahme nur gerade 5% pro Monat betrug.

Zu Beginn der Kombinationstherapie wurden vereinzelt entzündliche Reaktionen von bereits bestehenden aber schlummernden opportunistischen Erkrankungen festgestellt, welche durch die antiretrovirale Therapie erst ausgelöst wurden.

Diese waren wahrscheinlich durch die schnelle Erholung des Immunsystems bedingt und traten vor allem bei Patienten auf, bei denen Aids schon weiter fortgeschritten war.

Das initiale Ansprechen auf die antiretrovirale Therapie erlaubte eine klare Vorhersage des Krankheitsverlaufs: Bei rund 87% der Patienten war nach 6 Monaten Kombinationstherapie die Viruslast unter die Nachweisgrenze abgesunken. Für diese Patienten betrug das Risiko von opportunistischen Komplikationen weniger als 5% in den folgenden 2 Jahren.

Dr. Rainer Weber, Leitender Arzt in der Abteilung Infektionskrankheiten des Zürcher Universitätsspitals und Mitautor der Studie, sieht in den Studienergebnissen einen wichtigen Hinweis für die behandelnden Ärzte, dass der Möglichkeit opportunistischer Komplikationen vor allem kurz nach dem Einsetzen einer Kombinationstherapie die nötige Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. "Sorge bereiten uns vor allem noch bestimme Tumoren wie das non-Hodgkin Lymphom, die offenbar trotz Therapie nicht verhindert werden können."

Die 1988 gegründete Schweizerische HIV-Kohorte wird von der Eidgenössischen Kommission zur Kontrolle der AIDS-Forschung unterstützt. Ihre Ziele sind die Optimierung und Standardisierung der HIV-Patientenbetreuung in der Schweiz sowie die Durchführung von epidemiologischen, klinischen und biomedizinischen Studien. Es ist den Forschern ein Anliegen, den bisher über 10'500 Patienten und Patientinnen, von denen leider 3'800 verstorben sind, für ihre Teilnahme zu danken.

Bruno Ledergerber, PhD; Matthias Egger, MD; Véronique Erard, MD; Rainer Weber, MD; Bernard Hirschel, MD; Hansjakob Furrer, MD; Manuel Battegay, MD; Pietro Vernazza, MD; Enos Bernasconi, MD; Milos Opravil, MD; Daniel Kaufmann, MD; Philippe Sudre, MD; Patrick Francioli, MD; Amalio Telenti, MD for the Swiss HIV Cohort Study. AIDS-RELATED OPPORTUNISTIC ILLNESSES OCCURRING AFTER INITIATION OF POTENT ANTIRETROVIRAL THERAPY: THE SWISS HIV COHORT STUDY. JAMA Vol. 282 No. 23, December 15, 1999
 

Kontaktadressen:

Deutsch: PD Dr. Rainer Weber, Abteilung Infektionskrankheiten und
Spitalhygiene, Universitätsspital Zürich, 8091 Zürich.
Tel +41 1 255 2541 Fax +41 1 255 3291
Email infweb@usz.unizh.ch

Französisch: Dr. Amalio Telenti, Div. des Maladies Infectieuses, Méd2, CHUV, 1011 Lausanne.
Tel +41 21 314 1022 Fax +41 21 314 1008
Email amalio.telenti@chuv.hospvd.ch

Prof. Patrick Francioli, Div. Aut. Méd. Prév. Hosp, CHUV,
1011 Lausanne.
Tel +41 21 314 0252 Fax +41 21 314 0262
Email patrick.francioli@chuv.hospvd.ch

Italienisch: Dr. Enos Bernasconi, Ambulatorio Malattie infettive,
Ospedale Civico, 6903 Lugano.
Tel +41 91 805 6022 Fax +41 91 805 6031
Email enbernasconi@tinet.ch