PatientInnen mit HIV/GBV-C-Virus Ko-Infektion zeigen günstigeren Krankheitsverlauf

1995 entdeckten zwei Firmen ein neues "Hepatitisvirus", von der einen Hepatitis G Virus (HGV), von der andern GBV-C Virus genannt wurde. Weitere Untersuchungen zeigten, dass es sich um praktisch identische Viren mit einer grossen Verwandtschaft zum Hepatitis C Virus (HCV) aus der Familie der Flaviviren handelte. Die Hoffnung, damit die Ursache eines Grossteils der bisher ungeklärten Fälle der Non-A- bis Non-E- Hepatitiden, erfüllte sich jedoch nicht. Ausgiebige Abklärungen führten zu den Schlussfolgerungen: In der Ausgabe des New England Journal of Medicine vom 6. September erschienen nun zwei Artikel (1, 2) mit fast gleichlautenden Resultaten: Die Ko-Infektion mit GBV-C ist mit einer reduzierten Morbidität und Mortalität von HIV-infizierten PatientInnen verbunden.
In der einen Arbeit (1) wurde der Krankheitsverlauf von 197 HIV-positiven PatientInnen untersucht. Von diesen waren 33 (16,8%) GBV-C-RNA positiv, 112 (56.9 %) wiesen Antikörper gegen das GBV-C Hüllenprotein E2 auf und bei 52 (26.4%) fanden sich keine Hinweise auf eine GBV-C Infektion. Um eine allfällige Assoziation zwischen GBV-C Viral Load und dem Fortschreiten der HIV-Infektion zu erkennen, wurde bei 169 PatientInnen mit Nachweis von GBV-C–RNA im Plasma zusätzlich ein quantitativer branched-chain DNA (bDNA) Test durchgeführt.
PatientInnen mit postivem Nachweis von GBV-C RNA erkrankten später an AIDS und lebten deutlich länger als PatientInnen ohne Hinweise auf eine GBV-C Infektion. Diese Assoziation blieb auch dann bestehen, wenn die Analysen stratifiziert nach Alter oder Anzahl CD4-Lymphozyten durchgeführt wurden. Ein Überlebensvorteil fand sich selbst bei PatientInnen die bereits eine AIDS-definierende Erkrankung erlitten hatten. PatientInnen mit einer GBV-C–Infektion wiesen einen niedrigeren HIV Viral load auf als PatientInnen ohne GBV-C Infektion. Die Autoren fanden eine inverse Korrelation zwischen der Höhe des GBV-C und HIV-Viral loads; keine Korrelation fand sich hingegen zwischen der Höhe des GBV-C Viral laods und der Menge der CD4-Lymphozyten.
In der andern Arbeit (2) waren von 362 HIV-infizierten PatientInnen 144 (39,8%) GBV-C-RNA positiv. Von diesen starben 41 (28,5%) im Vergleich zu 123 von 218 (56,4%) PatientInnen, die GBV-C-RNA negativ waren. In der Cox-Regressionsanalyse zeigte sich für PatientInnen ohne HBV-C-Infektion, nach Berücksichtigung von Parametern wie antiretrovirale Therapie, initiale Anzahl CD4-Lymphozyten, Alter, Geschlecht, Rasse, und Übertragungsmodus, ein um den Faktor 3.7 (95 Prozent Vertrauensintervall 2.5 to 5.4) erhöhtes Risiko, an den Folgen der HIV-Infektion zu sterben.
Die Ko-Infektion mit GBV-C/HGV erwies sich demnach in zwei Studien als unabhängiger prognostischer Faktor der HIV-Infektion.
Viele Fragen sind bisher jedoch ungeklärt. Wie kommt das beobachtete klinische Phänomen zustande? Eine aktuelle Hypothese lautet, dass GBV-C/HGV die Replikation von HIV hemmt, ohne die Immunabwehr wesentlich zu beeinflussen. Die Ko-Infektion mit GBV-C/HGV kontrastiert deshalb zu einer Ko-Infektion mit HCV , die bei HIV-infizierten Personen das Ansteigen der CD4-Lymphozyten unter einer antiretroviralen Therapie beeinträchtigt (3). Lässt sich das Ergebnis der beiden Studien durch Untersuchen in grossen Kollektiven bestätigen? Ist die GBV-C/HGV-Infektion Ursache der Verlangsamung der HIV-Infektion oder ist sie lediglich ein Marker für einen Vorgang, den wir bisher nicht verstehen?

Markus Flepp, 14.09.2001

1) Tillmann HL et al. Infection with GB Virus C and reduced mortality among HIV-infected patients. N Engl J Med 2001, 345, 10: 715-724
2) Xiang J et al. Effect of coinfection with GB Virus C on survival among patients with HIV infection. N Engl J Med 2001, 345, 10: 707-714
3) Greub et al.
Clinical progression, survival and immune recovery during antiretroviral therapy in patients with HIV-1 and hepatitis C virus coinfection: the Swiss HIV Cohort Study. Lancet 2000; 356: 1800-1805