Einfluss einer HCV-Infektion auf den Verlauf der HIV-Infektion

Bisherige Studien haben mehrheitlich untersucht, inwiefern eine HIV-Infektion den Verlauf einer chronischen Hepatitis C beeinflusst und nicht umgekehrt. Die wenigen bisher durchgeführten Studien, die den Einfluss einer gleichzeitigen Infektion mit dem Hepatitis C Virus (HCV) auf die HIV-Infektion untersucht haben, kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Gründe dafür sind möglicherweise die kleine Patientenzahl bzw. die kurze Beobachtungszeit dieser Studien.

In der aktuell vorliegenden Analyse (1) von Daten aus der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie Studie (SHCS) wurde 1157 PatientInnen mit einer HIV/HCV-Coinfektion bezüglich Überleben, klinischem Krankheitsverlauf, Hemmbarkeit der HIV-Vermehrung (Abfall des viral loads unter Therapie), Erholung des Immunsystems (Anstieg der CD4-Zellen unter Therapie) und Verträglichkeit der antiretroviralen Therapie (Häufigkeit des Medikamenten-Wechsels) untersucht und mit 1954 PatientInnen verglichen, die lediglich eine HIV-Infektion, nicht aber eine HCV-Infektion aufwiesen. 1115 der 1157 (88%) der PatientInnen mit einer HIV/HCV-Coinfektion hatten aktuell oder in der Vergangheit einen intravenösen Drogenkonsum.

PatientInnen mit einer HIV/HCV-Infektion hatten unabhängig vom aktuellen iv-Drogenkonsum - ein 1.7fach grösseres Risiko für Krankheitsprogression zu einer neuen AIDS-definierenden Krankheit oder Tod als PatientInnen ohne Hepatitis C-Infektion. Aktiver intravenöser Drogenkonsum stellte mit einem Faktor von 1.4 ein unabhängiges Risiko dar.

Das virologische Ansprechen und die Wahrscheinlichkeit eines Therapiewechsels war bei Patienten mit HIV/HCV-Coinfektion und Patienten mit einer HIV-Infektion alleine nicht unterschiedlich. Das bedeutet, PatientInnen mit einer HIV/HCV-Coinfektion hatten die gleiche Chance, einen nicht nachweisbaren viral load zu erreichen und die Therapie wurde grundsätzlich gleich gut/ schlecht toleriert wie von PatientInnen mit einer HIV-Infektion allein.

Eine gleichzeitige HCV-Infektion war hingegen assoziiert mit einem geringeren Anstieg der CD4-Zellen. Die Chance für einen Anstieg der CD4-Zellen von 50 oder mehr Zellen/µl betrug für PatientInnen mit einer einer HIV/HCV-Coinfektion im Vergleich zu PatientInnen mit einer HIV-Infektion alleine lediglich 79%.

Die Daten aus der SHCS sind deshalb ein gewichtiges Argument für die Annahme, dass eine HCV-Infektion und aktiver intravenöser Drogenkonsum wichtige Faktoren bezüglich der Morbidität und Letalität von HIV-infizierten PatientInnen sind. Ein möglicher Mechanismus scheint dabei die Beeinträchtigung der Erholung des Immunsystems (des CD4-Zellanstiegs) durch die gleichzeitige HCV-Infektion.

Kommentar: Wenn sich das Immunsystem bei PatientInnen mit einer HIV/HCV-Coinfektion vergleichsweise unvollständig oder nur verzögert erholt, ist dies ein gutes Argument mit einer antiretroviralen Behandlung früher zu beginnen als bei PatientInnen mit einer alleinigen HIV-Infektion.

Andererseits ist eine HCV-Infektion grundsätzlich heilbar und bei stabiler HIV-Infektion ohne ausgeprägte Immunschwäche (CD4 >200 Zellen/mm3) gelten für die Behandlung der chronischen Hepatitis C grundsätzlich die gleichen Indikationen und Kontraindikationen wie bei PatientInnen ohne HIV-Infektion. Die Behandlung der chronischen Hepatitis C erfolgt dabei vorzugsweise vor der Behandlung der HIV-Infektion. Erfolgt sie gleichzeitig, müssen mögliche Wechselwirkungen zwischen Ribavirin und RT-Inhibitoren aus der Nukleosidanalogagruppe beachtet werden.

25.11.00, Markus Flepp
 
 

  1. G. Greub, B. Ledergerber, M. Battegay, P. Grob, L. Perrin, H. Furrer, P Burgissser, P. Erb, K. Boggian, J-C Piffaretti, B. Hirschel, P. Janin, M. Flepp, A. Telenti, for the Swiss HIV Cohort Study. Clinical progression, survival, and immune recovery during antiretroviral therapy in patients with HIV-1 and hepatitis C virus coinfektion: the Swiss HIV Cohort Study. Lancet 2000,356:1800-05.