 |
Subkommission Serologie,
Immunologie und Virologie (SIV) & Subkommission Klinik (SKK) der Eidgenössischen
Kommission für AIDS-Fragen (EKAF):
Neuerungen und Ergänzungen
zum HIV-Testkonzept 1998
(Bulletin des
Bundesamtes für Gesundheit 1999;48, 890-91, 20. November 1999)
Einleitung
Am 27.4. 1998 wurden im Bulletin des Bundesamtes
für Gesundheit (BAG) neue Richtlinien für die HIV-Testung publiziert
(1). Diese diagnostischen Empfehlungen richten sich nicht
nur an die Laboratorien, sondern auch an die ÄrztInnen, die HIV-Tests
veranlassen. Von den Laboratorien wie auch von den ÄrztInnen sind
die Richtlinien mehrheitlich akzeptiert und umgesetzt worden. Neuentwicklungen
auf dem diagnostischen Sektor sowie Unklarheiten im Einsatz der HIV-RNA
PCR machen nun aber Anpassungen des Laborkonzeptes notwendig. Folgende
Neuerungen und Ergänzungen sollen kurz diskutiert werden:
-
Kombinationsteste (‘4. Generationsteste’),
die sowohl Antikörper wie auch p24 Antigen nachweisen (auch als Duo,
Integral oder Combi bezeichnet) sind auf den Markt gekommen.
-
Ein einfach handzuhabender, praxistauglicher
Schnelltest
für HIV 1+2 Antikörper ist neu vom BAG zugelassen worden und
Anträge zur Bewilligung weiterer Schnelltests sind zu erwarten.
-
Die quantitative HIV-RNA PCR zur Bestimmung
der Viruslast (viral load) ist für die Abklärung unklarer serologischer
Befunde nicht geeignet.
Ad 1. Kombinationstest
zum simultanen Nachweis von Antikörpern und p24 Antigen
Die heute in der Schweiz mehrheitlich verwendeten
Antikörpersuchtests erfassen auch die früh erscheinenden IgM
Antikörper gegen HIV (sog. 3. Generationstests). Gegenüber den
1. und 2. Generationstests verkürzen sie deutlich das immunologische
Fenster, d.h. den Zeitpunkt zwischen Infektion und Nachweis der ersten
Antikörper. Aber auch unter optimalen Voraussetzungen dauert es in
der Regel immer noch mehr als 3 Wochen, in seltenen Fällen sogar bis
zu 3 Monaten und mehr, bis die Antikörper in 3. Generationstests nachweisbar
werden (2,3). In dieser Fensterphase können jedoch
bereits HIV-RNA und p24 Antigen gefunden werden (4,5),
wobei der p24 Antigennachweis die Fensterphase um ca. 5 Tage verkürzt
(5,6). Ein Screening mit diesen beiden Tests ist aber
nicht praktikabel. Die PCR ist zum Einsatz als Screeningtest zu aufwendig
und zu teuer, das p24 Antigen ist meist nur kurzfristig nach der Infektion
nachweisbar, d.h. ein negatives Ergebnis schliesst eine HIV-Infektion nicht
aus.
Die neue Generation von HIV-Tests erlaubt
nun den gleichzeitigen Nachweis von Antikörpern und p24 Antigen und
verringert damit das immunologische Fenster um einige Tage. Von vier zur
Zeit kommerziell erhältlichen Tests sind drei in der Schweiz vom BAG
zugelassen. Die Kombinationstests sind sehr gut zur Erfassung von Primoinfektionen
geeignet, und dies sogar zu einem Zeitpunkt, in welchem noch keine Antikörper
nachweisbar sind. Ein reaktiver Test erlaubt allerdings keine Unterscheidung,
ob das p24 Antigen, Antikörper oder beide nachgewiesen wurden. Deshalb
darf dieser Test auch nicht als p24 Antigentest (Ausnahme unten) eingesetzt
werden.
Die Spezifität der Kombinationstests
ist etwas geringer als diejenige der 3. Generationstests, die Sensitivität
aus den geschilderten Gründen deutlich höher (7)
. Die Nachweisgrenze für das p24 Antigen liegt je nach Test bei 65pg/ml
bis 250pg/ml (7). Damit ist die Sensitivität im Vergleich
zu einem reinen p24 Antigentest zwar tiefer, aber ausreichend um Primoinfektionen
zu erfassen.
Ergänzung zum Laborkonzept 1998:
‘Abklärung eines Verdachts auf eine Primoinfektion (akute HIV-Infektion)’
Bei Verdacht auf eine Primoinfektion muss
nach dem bisherigen Laborkonzept neben dem Antikörpersuchtest auch
ein p24-Antigentest durchgeführt werden (1) .
Neu: Als Ersttest kann ein Kombinationstest
durchgeführt werden. Fällt der Test reaktiv aus, muss der Verdacht
auf eine Primoinfektion durch einen bestätigt (durch Neutralisation)
positiven p24 Antigentests erhärtet werden. Bei Verwendung eines 2.
oder 3. Generationstests als Antikörpersuchtest kann an Stelle des
p24-Antigentests auch ein Kombinationstest (Antikörper + p24 Antigen)
eingesetzt werden. Fällt dieser reaktiv aus bei negativem oder grenzwertigem
3. Generationstest, muss anschliessend ein p24-Antigentest durchgeführt
werden (Details siehe Tabelle 1). Wenn es sich um die
Serokonversionsphase einer Primoinfektion handelt, ist auch ein hoch positives
Resultat in der HIV-RNA PCR und ein Anstieg der Reaktivität des Antikörpersuchtests
innert weniger Tage zu erwarten.
Tabelle 1: Vorgehen
bei Verdacht auf Primoinfektion
|
Testresultat
|
|
|
| HIV 1+2 Antiköpersuchtest |
Kombinationstest
(Ak + p24) |
Beurteilung
|
weiteres Vorgehen |
|
reaktiv
|
reaktiv
|
reaktiv
|
Resultat an AuftraggeberIn;
weiteres Vorgehen gemäss Laborkonzept |
|
negativ
|
negativ
|
negativ
|
Resultat an AuftraggeberIn |
|
reaktiv oder grenzwertig
|
negativ oder grenzwertig
|
ev. falsch reaktiv
|
Verlaufskontrolle
nach einigen Tagen, evtl. HIV-RNA PCR oder p24 Antigen |
|
negativ oder grenzwertig
|
reaktiv
|
ev. falsch reaktiv
oder
Primoinfektion
|
p24 Antigentest
negativ -> Verlaufskontrolle nach einigen Tagen
p24 Antigentest bestätigt (=neutralisierbar)
positiv
sofort 2. Probe verlangen zur Kontrolle |
In zwei noch nicht publizierten Studien
wurden mit einem der drei Tests in 2 Bestätigungslabors innerhalb
von 9 Monaten bei ca. 4700 durchgeführten Screeningtests 6 Primoinfektionen
erfasst, wovon 4 nur im Kombinationstest, nicht aber in verschiedenen Drittgenerationstests
reaktiv waren. Da auch auf den Auftragsformularen kein Hinweise auf eine
mögliche Primoinfektion vermerkt waren, wären diese 4 Neuinfektionen
ohne Kombinationstest in dieser Phase unentdeckt geblieben.
Ad 2. Neuer HIV
1+ 2 Schnelltest
Die Subkommission Serologie/Immunologie/Virologie
der Eidg. Kommission für AIDS-Fragen hat bereits früher in der
Schweiz. Ärztezeitung Stellungnahmen zur Verwendung von Schnelltests
in der HIV-Diagnostik abgegeben (8,9). Vor allem aus Qualitätsgründen
wurde vom Gebrauch der Schnelltests abgeraten. Das BAG hat nun einen neuen,
leicht handzuhabenden Schnelltest zugelassen, der qualitätsmässig
die hohen Anforderungen von HIV-Tests erfüllt und einem sehr guten
Drittgenerationstest entspricht. Der Test ist zum Nachweis von Antikörpern
in Serum, Plasma oder Vollblut geeignet, wobei letzteres ein Zusatzreagenz
benötigt. Der Test ist nach 15-30 Minuten ablesbar, er ist also nicht
wesentlich schneller als die automatisierten 3. Generationstests, dafür
aber viel einfacher in der Handhabung.
Der Schnelltest eignet sich für Spitäler,
die Ärzteschaft mit Praxisbewilligung sowie für ärztlich
geleitete anonyme HIV-Test- und Beratungsstellen, die Blutentnahmen durchführen.
Folgende Einschränkungen sind anzumerken:
-
Ein negativer Test schliesst eine Primoinfektion
nicht aus.
-
Bei einem reaktiven Test muss eine Bestätigung
erfolgen. Dazu muss, gemäss Laborkonzept 1998, eine neue Blutprobe
entnommen und an eines der Bestätigungslabors geschickt werden. Ein
bestätigt positives Resultat wird vom Bestätigungslabor anonymisiert
an das BAG gemeldet (neue Meldeverordnung vom 1.3.1999)(10,11).
-
Periodische externe Qualitätskontrollen
müssen durchgeführt werden.
-
Die Durchführung eines HIV-Tests muss
immer eine Beratung vor und nach dem Test mit einschliessen.
-
In der Schweiz dürfen keine Tests zur
Erkennung von übertragbaren Krankheiten an die Öffentlichkeit
abgegeben werden (VO über die IVD, SR 818.152.1). Der Schnelltest
darf auch nicht in der Apotheken für das Publikum durchgeführt
werden, da weder eine ärztliche Beratung noch periodische externe
Qualitätskontrollen in den Apotheken gewährleistet sind. Im Falle
eines reaktiven Testausfall kann in der Apotheke auch keine Blutentnahme
zur Bestätigung durchgeführt werden.
Ad 3. Einsatz
der HIV-RNA PCR
Die HIV-RNA PCR wird in erster Linie zur
Bestimmung der Viruslast (viral load) im Plasma eingesetzt und zwar im
Zusammenhang mit einem Therapieentscheid und als Verlaufskontrolle während
der Therapie. Die quantitative HIV-RNA PCR ist nicht zur Abklärung
von wiederholt serologisch unklaren Resultaten geeignet, da sie bezüglich
diagnostischer Sensitivität und Spezifität dem Antikörpernachweis
unterlegen ist (12,13). Werden in verschiedenen Proben
über einen längeren Zeitraum fraglichen Antikörperbefunden
erhalten, darf deshalb die quantitative HIV-RNA PCR nicht zur Bestätigung
eingesetzt werden. Dazu ist eine PCR zum Nachweis von proviraler DNA in
Lymphozyten besser geeignet. Es wird jedoch empfohlen, in diesen Fällen
die Probe ans Nationale Zentrum für Retroviren in Zürich zur
weiteren Abklärung zu senden.
Bei klar positivem Antikörpersuchtest
kann aus Kostengründen die HIV-RNA PCR in der 2. (Plasma) Probe als
Bestätigung und gleichzeitig zum Therapieentscheid durchgeführt
werden. Ein Verdacht auf eine Infektion mit HIV-2 oder HIV-1 Gruppe O oder
N kann nur mit Hilfe des Westernblots und/oder einer spezifischen PCR erhärtet
werden.
Zusammenfassung
-
Kombinationstests, die gleichzeitig p24 Antigen
und Antikörper gegen HIV nachweisen, können bei Verdacht auf
Primoinfektionen als Ersttests und bei Verwendung von 2. oder 3. Generationstests,
anstelle des p24 Antigentests verwendet werden.
-
Ein neuer HIV
1+2 Schnelltest mit guter Spezifikation eignet sich für den Einsatz
in Spitälern, Arztpraxen und ärztlich geleiteten anonymen HIV-Test-
und Beratungsstellen.
-
Die quantitative HIV-RNA PCR darf nicht zur
Bestätigung von Befunden, die wiederholt in verschiedenen Proben serologisch
unklaren waren, eingesetzt werden.
Hauptautor: P. Erb
Mitglieder und Experten der eidgenössischen
Kommission für AIDS-Fragen (EKAF), Subkommission Serologie, Immunologie,
Virologie (SIV): Dr. J.J. Burckhardt, Bern, Dr. Ph. Bürgisser,
Lausanne, Prof. P. Erb, Basel (Vorsitz), Dr. W. Fierz, St. Gallen, Prof.
M. Frey-Wettstein, Schlieren, Dr. M. Gebhardt (BAG), Prof. P. Grob, Zürich,
PD. Dr. L. Matter, Bern, Prof. L. Perrin, Genf, Prof. W. Pichler, Bern,
Prof. J.C. Piffaretti, Lugano, Frau dipl. biol. B. Schulte (BAG), Prof.
J. Schüpbach, Zürich, Dr. E. Viollier, Basel, PD Dr. R. Zwahlen
(BAG).
Subkommission Klinik (SKK): PD
Dr. M. Battegay, Basel, Dr. H. Binz, Solothurn, Dr. E. Bernasconi, Lugano
(Vorsitz), Dr. M. Flepp, Zürich, Dr. Hj. Furrer, Bern, Prof. P. Francioli,
Lausanne, Prof. B. Hirschel, Genf, Dr. J. Jost, Zürich, Frau Dr. C.
Kamber (BAG), Prof. R. Lüthy, Zürich, PD. Dr L. Matter, Bern,
PD. Dr. Ch. Rudin, Basel, PD. Dr. P. Vernazza, St Galllen.
Literatur
-
HIV-Testkonzept
1998: Neue Richtlinien. Bulletin BAG 1998; 18(27.4.1998): 7-11.
-
Thorstensson R, Andersson
S, Lindback S, et al.: Evaluation of 14 commercial HIV-1/HIV-2 antibody
assays using serum panels of different geographical origin and clinical
stage including a unique seroconversion panel. J Virol Methods 1998; 70
(2): 139-151.
-
Zaaijer HL, v. Exel-Oehlers
P, Kraaijeveld T, Altena E, Lelie PN: Early detection of antibodies to
HIV-1 by third-generation assays [see comments]. Lancet 1992; 340 (8822):
770-2.
-
Couroucé AM, Barin
F, Maniez M, Janot C, Noel L, Elghouzzi MH: Effectiveness of assays for
antibodies to HIV and p24 antigen to detect very recent HIV infections
in blood donors. The Retrovirus Study Group of the French Society of Blood
Transfusion [letter]. AIDS 1992; 6 (12): 1548-50.
-
Busch MP, Satten GA: Time
course of viremia and antibody seroconversion following human immunodeficiency
virus exposure. Am J Med 1997; 102 (5B): 117-24; discussion 125-6.
-
Bürgisser P, Spertini
F: Tests de diagnostic et de suivi de l'infection par le VIH: Progrès
récents. Med Hyg 1999; 57: 867-7.
-
Couroucé AM: Combined
screening tests for anti-HIV antibodies and p24 antigen. La Gazette de
la Transfusion 1999; 155: 1-15.
-
Verwendung von Schnelltests
für die Diagnose von HIV-Infektionen. Schweiz. Aerztezeitung 1994;
75 (36): 1378-1379.
-
Empfehlungen zur Verwendung
des HIV-Schnelltests in der Grundversorgung. Schweiz. Aerztezeitung 1996;
77 (46): 1873.
-
Meldungen von Infektionskrankheiten
ab 1. März 1999 neu geregelt. Bulletin BAG 1999; 9, Supplementum XIV:
vom 1.3.1999.
-
Erste Reaktionen zur neuen
Meldeverordnung: Änderungen bei den HIV/AIDS- und Labor-Meldungen.
Bulletin BAG 1999; 24: 420-421.
-
Rich JD, Merriman NA, Mylonakis
E, et al.: Misdiagnosis of HIV infection by HIV-1 plasma viral load testing:
A case series. Ann Intern Med 1999; 130 (1): 37-39.
-
de Mendoza C, Holguin A,
Soriano V: False positives for HIV using commercial viral load quantification
assays [letter]. AIDS 1998; 12 (15): 2076-7.
|